Rede gegen Sparprogramm auf Betriebsversammlung Mercedes Benz Werk Hamburg

Foto: Matthias Leitzke IGM

Guten Tag Kolleginnen und Kollegen,
Ich bin Sven Vaith und arbeite gegenwärtig in der Halle 12 in der ISG-Montage. Heute möchte ich hier über die Vereinbarung zwischen Vorstand und Gesamtbetriebsrat sprechen, die uns allen die Augen öffnen sollte – und zwar nicht, weil sie so großartig ist, sondern weil sie zeigt, wie sehr wir aufpassen müssen, wenn wir unsere Interessen nicht selbst in die Hand nehmen.
Die Vereinbarungen zwischen dem Mercedes-Vorstand und dem Gesamtbetriebsrat, unter anderem die, die uns als „Zukunftssicherung“ bis Ende 2034 verkauft wird, ist ein fauler Kompromiss, der uns Kolleginnen und Kollegen wieder Lohneinbußen kosten soll, während die Aktionäre, welche ja schließlich die Eigentümer dieses  Unternehmens hier sind, sich die Taschen füllen. Auch dieses Jahr dürfen sich die Aktionäre wieder auf ca. 4 Milliarden Euro Dividende freuen.
Aber Schauen wir mal genauer hin: Der Gesamtbetriebsrat hat mit dieser Vereinbarung auch allen weiteren Plänen zur Verlagerung von Produktion und Outsourcing automatisch zugestimmt. Das heißt, wir haben keine Kontrolle mehr darüber, wo und wie unsere Arbeit in Zukunft stattfindet. Und glaubt ja nicht, dass das Management diese Zustimmung nicht ausnutzen wird. Die Produktion wird dorthin verlagert, wo es am billigsten ist, oder man unangenehme Zölle damit umgehen kann und wir bleiben hier zurück, mit weniger Jobs und mehr Druck für uns und unsere Familien.
Doch das ist noch nicht alles. Die Betriebsvereinbarung zur  Ergebnisbeteiligung, die uns immerhin ein kleines Stück vom Kuchen gegeben hat, läuft aus. Und was passiert? Sie wird wahrscheinlich künftig gestrichen. Erst hieß es, der Tarifvertrag bleibt unangetastet jetzt wird er Stück für Stück ausgehöhlt. Die vereinbarte Tariferhöhung von 2%, die schon lächerlich niedrig war, wird jetzt auf 1% gedrückt. Das ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht, das ist eine klare Botschaft: Eure Arbeit ist uns nicht mehr wert, denn die Inflation der letzten Jahre ohne echte Lohnerhöhung hat die Kaufkraft, die wir damit noch haben enorm verringert.
Und dann die Zukunftssicherung bis Ende 2034. Klingt gut, oder? Aber was ist das wirklich wert? Schaut euch VW an. Da wurde so eine Vereinbarung einfach einseitig aufgekündigt. Verträge sind nur so viel wert wie der Wille, sie einzuhalten. Und der Wille des Managements ist klar: Profit über alles auch über uns. Es soll keine betriebsbedingten Kündigungen geben? Schön und gut. Aber wenn Stellen gestrichen werden, bedeutet das für uns, die übrig bleiben, nur eines:  Arbeitsverdichtung. Mehr Arbeit, mehr Stress, weniger Leben. Was nützt es der Familie, wenn man kaputt nach Hause kommt und unter der Woche keine Kraft und Zeit für gemeinsame Aktivitäten hat. Und wer fängt jetzt die Umsatzrückgänge auf? Wir, mit unseren Löhnen.
Der Kapitalismus wird immer chaotischer. Die Märkte sind begrenzt. Die Milliarden an Investitionen bräuchten wachsende Märkte, die es aber so nicht gibt. Alle Konzerne weltweit kämpfen um die bestehenden Märkte aggressiver. Das ist auch der Hintergrund für den tendenziellen Fall der Profitrate und für die Kriegs – und Aufrüstungspolitik. Hierfür hat unsere IG Metall in Baden-Württemberg gerade einen Tarifvertrag abgeschlossen, genannt Tarifvertrag zum regionalen Personaleinsatz, der es kriselnden Unternehmen ermöglicht, Arbeitnehmer zum Beispiel an die boomenden Rüstungsunternehmen zu verleihen. Die jetzt hunderte Milliarden Kriegskredite erfreuen auch Mercedes, die auch gerade Vorbereitungen dafür treffen, ein ordentliches Stück vom Kuchen abzubekommen.

Kolleginnen und Kollegen, was hier vereinbart wurde, ist keine Zukunftssicherung. Es ist eine Zukunftsbeschneidung. Und wenn wir uns nicht wehren, wird diese Spirale nach unten nicht aufhören. Wir können nicht einfach hoffen und bangen, dass es schon irgendwie gut wird. Wir müssen kämpfen, kämpferisch, laut und entschlossen.
Zur Erklärung: Bei zunehmender Kapitalintensität und einer weitgehend konstanten Mehrwertrate sinkt automatisch die Profitrate, das ist eine wirtschaftliche Gesetzmäßigkeit. Das und zunehmende Konkurrenz zwingen die Unternehmen zu Verschärfung der Ausbeutung. Deshalb mein Appell an euch Kollegen, die nicht mehr in der IG Metall sind: Tretet wieder in ein! Werdet aktive Mitglieder! Denn am Ende tut das niemand für euch – nicht der Gesamtbetriebsrat, nicht die IG Metall-Führung. Nur wir selbst können unsere Interessen durchsetzen. Nur wir können unsere Gewerkschaft wieder stark machen.
Wir müssen uns gegen diese Profitmacherei auf unsere Kosten  stemmen. Wir müssen zeigen, dass wir nicht bereit sind, immer weiter zurückzustecken. Wir sind es, die diesen Konzern am Laufen halten.
Jetzt noch ein kurzer Kommentar zum Video von Herr Dobrawa im Intranet. Hier verkündete er, ohne einen zeitlichen Rahmen zu nennen, die Reduzierung von 5 ISG-Montagelinien auf nur noch 3. So schafft man es, Kollegen zu verunsichern, dass selbst unsere GAB Verantwortlichen fragten, ob die anstehende Wartung jetzt noch gemacht werden müsse. Er hat das zwar später konkretisiert, dass dies perspektivisch in ca. 2-3 Jahren wohl gemeint ist, aber das ist doch insgesamt eine mehr als unglückliche Kommunikation.
Ok. Ich komme zum Schluss. Also, Kolleginnen und Kollegen, lasst uns nicht länger stillhalten. Lasst uns gemeinsam kämpfen – für unsere Arbeitsplätze, für unsere Löhne, für unsere Zukunft. Denn nur wenn wir uns wehren, können wir gewinnen. Denn wer nicht kämpft, der hat schon verloren.
Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit!

25. März 2025
(Siehe zum Hintergrund im LabourNet das Dossier “Sparprogramm” und Effizienzsteigerung dank E-Auto auch bei Daimler – Leiharbeiter zuerst…https://www.labournet.de/politik/alltag/leiharbeit/unternehmen/sparprogramm-und-effiziensteigerung-dank-e-auto-auch-bei-daimler-leiharbeiter-zuerst/)

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