Während die Proteste gegen Israels anhaltenden Krieg und Genozid gegen die Palästinenser im Gaza-Streifen auf der Straße in Form von Demonstrationen leider kaum noch stattfinden, kommt es immer wieder zu betrieblichen Protesten gegen die Kolonialpolitik der rechtsextremen Regierung Netanjahu.
Nachdem am 6. Februar 2026 in diversen Mittelmeerhäfen Hafenarbeiter gegen Waffentransporte nach Israel streikten, traten am Freitag in Belgien Metallarbeiter der Rüstungsfirma Fabrique Nationale Herstal in den Ausstand, um gegen den Besuch des israelischen Militärattaches in dem Unternehmen zu protestieren.
Dazu aufgerufen hatte der sozialistische bzw. sozialdemokratische Gewerkschaftsbund ABVV/FGTB. Er ist mit ca. 1,5 Millionen Mitgliedern, neben der gleich großen christlichen ACV/CSC, eine der beiden wichtigsten Dachverbände in unserem Nachbarland. Dort herrscht mit 39% noch einen relativ hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad und eine starke Kampfbereitschaft, obwohl auch dort ein rückläufiger Organisationsgrad unverkennbar ist. (2016 lag er nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft – IW – noch bei 52,4%.)
Beigetragen zu dem politischen Streik bei FN Herstal hat offenbar auch die Kritik von Friedensgruppen an der Produktion und den Geschäftsbeziehungen der Firma in der Vergangenheit.
Die Firma, die in der Nähe von Lüttich beheimatet ist, ist kein Kleinunternehmen. Sie bildet den Kern der Unternehmensgruppe FN Browning Group. Deren Belegschaft umfasst 4.100 direkt Beschäftigte. Sie produzieren Pistolen, Revolver, Maschinenpistolen und Gewehre bis hin zu schweren Maschinengewehren sowie die entsprechende Munition. Der größere Teil davon sind Kriegswaffen. Beim etwas kleinere Teil handelt es sich um Faustfeuerwaffen und Gewehre für Sport und Jagd.
Der Konzern machte nach eigenen Angaben 2024 einen Umsatz von 934 Millionen Euro. Das war eine deutliche Steigerung im Vergleich zum Vorjahr als 2023 “nur” 908 Millionen Euro erwirtschaftet wurden – allerdings damals schon mit einem Rekordgewinn von 75 Millionen Euro. Von diesem Profit gingen seinerzeit 15 Millionen Euro an den einzigen Aktionär des Unternehmens: die öffentliche Holdinggesellschaft Wallonie Entreprendre. Die Firma ist also ein Staatsunternehmen. Das Management sieht – nicht ganz ohne Grund – rosige Zukunftsperspektiven:
Der Waffenhersteller plant, in den nächsten drei Jahren 100 Millionen Euro zu investieren, um seine Produktionskapazitäten in Belgien zu erweitern.
Für uns ist folgende Tatsache wichtig:
Der Streik bei FN Herstal zeigt – wie schon Protestaktionen der Metallergewerkschaft FIOM-CGIL beim italienischen Rüstungskonzern Leonardo voreinigen Monaten -, dass die Belegschaften von Rüstungsunternehmen durchaus sensibilisierbar und mobilisierbar sind, wenn es um die Verwendung ihrer Produkte geht und Gewerkschaften die Initiative ergreifen.
Bei der deutschen IG Metall geht man bislang leider einen anderen Weg und fördert die Umstellung von ziviler auf kriegsproduktion zur “Sicherung gut bezahlter, qualifizierter Arbeitsplätze”…
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk- und Fernsehsender “BRF” brachte zu der Aktion eine deutschsprachige Kurzmeldung auf seiner Homepage:
Ein Teil der Beschäftigten des Rüstungsunternehmens FN Herstal sind am Donnerstag spontan in einen Streik getreten. Damit wollten die Mitarbeiter gegen den Besuch eines Offiziers der israelischen Armee protestieren, der sich als Mitglied einer Delegation von Militärattachés mehrerer Länder angesagt hatte. Zu dem Streik hatte die sozialistische Gewerkschaft FGTB aufgerufen.
Ausführlicher ist der Bericht der liberalen Tageszeitung “Le Soir” vom 13.2.2026, den wir für Euch übersetzt haben.
24-stündiger Streik bei FN Herstal: Die Gewerkschaft FGTB protestiert gegen den Besuch eines israelischen Militärattachés. „Diese Anwesenheit ist inakzeptabel!“
Am Donnerstag, dem 12. Februar 2026, wurde bei FN Herstal von der Gewerkschaft FGTB ein 24-stündiger Streik ausgerufen, nachdem ein israelischer Militärattaché dem Betrieb einen umstrittenen Besuch abgestattet hatte. Die Beschäftigten protestierten gegen diese Anwesenheit, die sie als inakzeptabel empfanden.
Bei FN Herstal herrscht Aufruhr. Nachdem die Arbeiterdelegation der FGTB über die Anwesenheit eines hochrangigen israelischen Vertreters in ihren Räumlichkeiten informiert worden war, beschloss sie, Maßnahmen zu ergreifen. Nach einer Versammlung der Teams für die Schichten von „7:30 bis 15:00 Uhr” und von „13:00 bis 20:00 Uhr” stimmten die Beschäftigten dafür, die Tore ab Donnerstag, dem 12. Februar 2026, um 20 Uhr für 24 Stunden zu schließen.
Auslöser für die Wut war die Teilnahme eines israelischen Offiziers an einem von der belgischen Armee organisierten Besuch der Unternehmensanlagen am selben Tag.
Laut FGTB „wurde die Unternehmensleitung nicht vollständig über diese Initiative informiert oder hat deren Tragweite nicht vollständig erfasst. Für uns hat diese Information viele Fragen aufgeworfen und tiefe Empörung ausgelöst.”
„Wir sind regelmäßig Zielscheibe von Kritik durch Friedensaktivisten, die oft schlecht über die strengen ethischen Regeln informiert sind, die wir unserem Unternehmen seit Jahrzehnten auferlegt haben. Insbesondere haben wir bereits vor vielen Jahren ein Verbot des Waffenverkaufs an die israelische Armee durchgesetzt”, erklärt die FGTB.
„Am 12. Februar befand sich jedoch ein israelischer Offizier, der kürzlich zum Militärattaché Israels in Brüssel ernannt worden war, in unseren Räumlichkeiten. Für uns ist diese Anwesenheit inakzeptabel. Der sofort beschlossene Streik spiegelt die tiefe Kluft wider, die zwischen unserer Vorstellung von Ehre und Würde und derjenigen der politischen Verantwortlichen auf föderaler und regionaler Ebene besteht“, fügt die Gewerkschaft hinzu und präzisiert, dass gegen den Militärattaché „von einer Brüsseler Vereinigung beim Ankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) in Den Haag Anzeige erstattet wurde“.
Bei dem Offizier handelt es sich offenbar um Oberst Moshe Tetro. Gegen ihn hat die Hind Rajab Foundation nach Aussagen ihres Generaldirektors Dyab Abou Jahjah dem Internationalen Strafgerichtshof bereits vor längerer Zeit Beweismaterial für eine Anklage übermittelt. Daraus gehe hervor, dass Tetro eine Schlüsselrolle bei Angriffen auf Krankenhäuser und bei der Politik des Aushungerns der Bevölkerung von Gaza gespielt hat. Außerdem fordert die Stiftung von der belgischen Regierung die Auswiesung des Offiziers als unerwünschte Person.
Dies meldete das Onlineportal “Middle East Monitor” ergänzend am 14.2.2026 um 12:41 Uhr sowie der flämische Sender “VRT” bereits am 3.12.2024:
Siehe auch:
Junge Welt vom 9. Februar 2026
Hafenarbeiter für Frieden – Kriegshäfen unter Beobachtung
Streiks und Proteste in mehr als 20 Häfen entlang des Mittelmeeres. Sie zeigen, dass die Kriegslogistik verwundbar ist – und wie
Unter dem Motto »Die Hafenarbeiter arbeiten nicht für den Krieg!« protestierten am Freitag Zehntausende in über 20 Häfen Europas, vor allem am Mittelmeer, gegen die aktuellen Kriege, gegen die Militarisierungspolitik der EU und gegen die Nutzung der Häfen für Waffenlieferungen etwa nach Israel oder in die Ukraine. Das Zentrum des Aktionstags bildete Italien, wo die Basisgewerkschaft USB (Unione Sindacale di Base) Arbeiter und Unterstützer in einem guten Dutzend der wichtigsten Häfen des Landes zu einem Hafenstreik mobilisieren konnte – von Genua über Palermo bis Triest. Proteste gab es unter anderem auch in Spanien, Griechenland und in der Türkei; in Deutschland wurde in Hamburg protestiert. In Marokko mussten geplante Kundgebungen aufgrund schwerer Unwetter abgesagt werden. Zu den Protesten aufgerufen hatten neben der USB noch vier weitere Gewerkschaften – LAB aus dem Baskenland, Enedep aus Griechenland, Liman-İş aus der Türkei und ODT aus Marokko….
https://www.jungewelt.de/artikel/517116.hafenarbeiter-f%C3%BCr-frieden-kriegsh%C3%A4fen-unter-beobachtung.html?sstr=hafenarbeiter